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Nathan Next Door

Presse

Schwäbische Post vom 25. Januar 2017 von Dagmar Oltersdorf

Theater in der Moschee –und die Schuhe bleiben an

Das Theater der Stadt Aalen ist mit dem Projekt „Boulevard Ulmer Straße“ zu Gast in der Ditib-Moschee Aalen. Die szenisch-musikalische Lesung wird aber nicht im Gebetsraum aufgeführt.

Es ist eine Premiere. Nicht für das Theater Aalen. Wohl aber für die Aalener Ditib-Moschee. Erstmals unter ihrem Dach ist seit dem zehnjährigen Bestehen der Moschee ein Theater zu Gast. Gespielt wird am kommenden Sonntag, 29. Januar, 15.30 Uhr, in einer szenischen Lesung „Nathan der Weise.“ Außer den Schauspielern und acht Sängerinnen und Sängern des Chörle unter Dirigent Thomas Haller wird der Imam der Moschee Mürsel Gökdere bei der Umsetzung des Stücks von Gotthold Ephraim Lessing unter dem Titel „Nathan next door“ mitwirken. Gökdere wird Hadithe (Überlieferungen des Propheten Mohammed) und einen Text vortragen. „Wer einen Imam rezitieren hören möchte, der muss sich schon in die Moschee bewegen“, wirbt die Regisseurin des Stückes Tina Brüggemann für den Theaternachmittag. Wer komme, den erwarte ein „spirituelles Erlebnis aus allen drei Religionen“.

Dies allerdings wird wohl kaum von der besonderen Atmosphäre in der Moschee begleitet werden. Denn gespielt wird nicht in einem der Gebetsräume, sondern nach internen Gesprächen innerhalb des Vorstandes der Moschee im nüchternen Konferenzraum im zweiten Stock, wo man die Schuhe anbehalten kann. „Wir wollten das Weltliche vom Religiösen trennen, damit es keine Missverstände gibt“, erklärt Muammer Ermis, Dialogbeauftragter der Ditib-Gemeinde, diese Entscheidung.

Aber auch für Christen ist es offensichtlich nicht selbstverständlich, die Türe ihres Gebetshauses für Muslime zu öffnen. So soll im Mai die Nathan-Lesung im Albert-Schweitzer-Haus in Unterkochen wiederholt werden. Er könne sich durchaus vorstellen, damit noch in die Kirche zu wandern, so Pfarrer Manfred Metzger, Vertreter des christlich-muslimischen Dialogkreises. Allerdings müsse das ebenfalls mit der Kirchengemeinde abgesprochen werden.

Miteinander reden, aufeinander zugehen – Schlüsselworte, die nicht nur bei „Nathan“ eine Rolle spielen, sondern auch bei dem Projekt „Boulevard Ulmer Straße“, in das das die Inszenierung des Stückes eingebettet ist.

„Wir wollen damit Menschengruppen zusammenbringen“, sagt Projektkoordinatorin Daniela Mühlbäck. Das sei bei den vergangenen Aktionen auch schon gelungen. Und mit dem Nathanprojekt in der Moschee wird nun ein weiterer Nachbar mit ins Boot geholt. „Uns ist es als Nachbarn der Ulmer Straße wichtig, auch Teil des Projektes zu sein“, sagt Muammer Ermis.

Für Regisseurin Tina Brüggemann ist „Nathan der Weise“ der „aktuellste und am meisten Trost spendende“ Text zum Miteinander von Religionen und Kulturen. Bei der Aufführung in der Moschee wird sich zeigen, ob das Angebot, sich damit auseinanderzusetzen, auch von diesen angenommen wird.


Aalener Nachrichten vom 25. Januar 2017 von Ansgar König

Treffliche Vorlage für den Boulevard Ulmer Straße

Bei einer szenischen Lesung zu „Nathan der Weise“ wirken Moschee, Theater und die evangelische Kirchengemeinde mit

Ob Gotthold Ephraim Lessing bei der Niederschrift von „Nathan der Weise“ an die Ulmer Straße im Jahr 2017 gedacht hat, ist nicht überliefert. Fest steht: Der Text passt wie gemacht auf das soziokulturelle Projekt „Boulevard Ulmer Straße“, mit dem das Theater der Stadt Aalen sein Jubiläumsjahr zum 25-jährigen Bestehen begleitet. Bei freiem Eintritt ist eine szenisch-musikalische Lesung unter den Titel „Nathan Next Door“ am kommenden Sonntag um 15.30 Uhr im Konferenzraum der Merke-Moschee (Ditib) in der Ulmer Straße 122 zu erleben. Ein weiteres Mal ist die Produktion am Freitag, 26. Mai, um 19.30 Uhr im Albert-Schweizer-Haus in Unterkochen zu erleben.

„Eines der wichtigsten Stücke der Literaturgeschichte“

„Lessings Nathan ist eines der wichtigsten Stücke der Literaturgeschichte – nicht nur, aber gerade in diesen Zeiten“, sagt Tina Brüggemann vom Leitungsteam des Theaters, die nicht nur Regie führt, sondern auch die Texte für die Lesung zusammengetragen hat. Das Stück mit der berühmten Ringparabel fasziniert sie, die Aktualität, die Aussage. „Künstlerisch ist es schon fast ein Gebot der Stunde, das Stück zu spielen.“ Kurz zusammengefasst: Lessings Aufklärungsdrama ist ein Plädoyer für religiöse Toleranz, für den interkulturellen Dialog zwischen Christentum, Islam und Judentum.

Und wer könnte den interkulturellen Dialog besser erklären als Manfred Metzger und Muammer Ermis. Metzger ist Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Unterkochen-Enat, Ermis Sprecher der Türkisch-Islamischen Gemeinde zu Aalen. „Das Zwischenmenschliche ist das Spannende an Lessings Stück“, sagt Manfred Metzger. „Um sich Gedanken über religiöse Toleranz zu machen, muss man Ansprüche runterschrauben, um überhaupt auf die zwischenmenschliche Ebene zu kommen. Lessing bietet uns die Möglichkeit, aus unseren eigenen Schubladen herauszukommen.“

Ermis erklärt, warum das Stück im Konferenzraum und nicht im Gebetssaal zu sehen sein wird: „Es gab Überlegungen, aber wir wollten das Weltliche und das Religiöse trennen, damit es keine Missverständnisse gibt. Wir wollten die gesamte Gemeinde mitnehmen und für alle Besucher einen passenden Raum und Rahmen finden.“ Manfred Metzger stimmt aus Sicht der evangelischen Kirche zu: „Das Stück soll ja schließlich nicht spalten.“

Beide feiern mit der Lesung zudem ein besonderes Jubiläum: Seit zehn Jahren gib es den christlich-islamischen Dialogkreis Aalen, dem neben der Ditib-Moschee auch die Fatih-Moschee in der Ulmer Straße 104, die katholische Gesamtkirchengemeinde und die beiden evangelischen Kirchengemeinden Aalen und Unterkochen-Ebnat gehören. Seit einer Dekade machen sie sich unter dem Motto „Für ein besseres Miteinander“ für Toleranz stark. Und das mit Erfolg. Auch dank Boulevard Ulmer Straße, das gerne liebevoll mit „BUS“ abgekürzt wird. „Es ist schön“, bestätigt Cemil Sahin, der Vorsitzende der Ditib-Moschee, „dass wir unsere Nachbarn kennenlernen. Wir haben in der Vergangenheit sehr gute Erfahrungen gemacht, wie wir ohne Vorurteile miteinander leben können.“ Und er fügt noch einen aus seiner Sicht wichtigen Aspekt an: „Das Interesse an Kultur hat nicht unbedingt etwas mit Religion zu tun. Wir können mit dieser Aktion die Türen für alle öffnen.“

Als ein gutes Beispiel nennt Ermis zum Beispiel das Fisch-Festival, zu dem die Moschee viele Gäste aus der nächsten Nachbarschaft erwartet. Am Wochenende 4. und 5. Februar findet das nächste Festival statt: „Wir haben viele Fans“, sagt er lachend.

Muammer Ermis untermauert das mit Zahlen: „In der Anfangszeit der Moschee ab 2010 hatten wir gut 100 Führungen durch die Moschee pro Jahr. Mittlerweile hat sich die Zahl bei 50 bis 70 eingependelt. Die Führungen kommen sehr gut an.“ Auch die Moschee selbst hat innerhalb des BUS sehr viel dazugelernt: „Wir wussten vorher gar nicht, wie interessant die Ulmer Straße ist. Wir hatten nur wenig Kontakt zu den Nachbarn, zum Flüchtlingsheim etwa oder zum Theater. Nun haben wir auch die GSA, die Villa Stützel oder die Tonfabrik kennengelernt.“ Eine klassische Win-Win-Situation also. „Uns ist es wichtig, Teil dieses soziokulturellen Projekts mit dem Theater zu sein – nicht nur bei Nathan, sondern auch bei anderen Projekten wie etwa der Gerücheküche.“

„Und das“, so fährt Daniela Mühlbäck, Projektkoordinatorin des BUS, fort, passt bestens in unser Konzept, nämlich Menschengruppen zueinander zu bringen.“ Auch „Nathan Next Door“ gehört deshalb dazu, fügt Brüggemann an, „es soll ein Anstoss sein, Nachbarschaft zu pflegen und ins Gespräch zu kommen. Für mich ist es ein sehr aktuelles Stück – mit Trost spendenden Textpassagen.“

Regisseurin Tina Brüggemann will „Religion hörbar machen“

Für die Lesung will sie „Religion hörbar machen“. So wirken neben den Schauspielern Philipp Dürschmied, Mirjam Birkl, Arwid Klaaws, Marcus Krone, Alica Katharina Schmidt und Bernd Tauber auch Imam Gökdere von der Merkez-Moschee und acht Sängerinnen und Sänger des „Chörle“ unter der Leitung von Kirchenmusikdirektor Thomas Haller mit. Die Textpassagen, die Brüggemann für die Lesung ausewählt hat, verraten nicht, wie das Stück ausgeht. Sie enden, so die Regisseurin, „kurz nach der Ringparabel“.

Im Gegensatz zu „Nathan Der Weise“, das am 25. Februar, auf der Theaterbühne im Wi.Z. Premiere hat, ist der Eintritt zu den Lesungen in der Moschee und im Albert-Schweizer-Saal frei. Pfarrer Metzger hat sogar die Klassen 9 und 10 der Unterkochener Realschule eingeladen, schließlich ist der christlich-islamische Dialogkreis eine ökumenische Kooperation. Auch für die Moschee ist, so Ermis, die Veranstaltung ein Ansatz, junge Gemeindemitglieder fürs Theater zu interessieren.


Aalener Kulturjournal (online) von Herbert Kullmann, veröffentlicht am 25. Januar 2017

Der Traum von einer besseren Menschheit

Szenische Lesung: "Nathan next door"

"Nathan next door", heißt es am kommenden Sonntag (14.30 Uhr) in der Ulmer Straße. Die nächste Tür führt hier in die Aalener DITIB-Moschee. Der Besucher ist niemand anderes als Lessings "Nathan der Weise". Im gleichnamigen Drama plädiert Lessing für Humanität, Vernunft und Toleranz. Er vertritt die Auffassung, der Wert der Religionen bestehe im Streben nach Wahrheit, nach tätiger Menschenliebe. Alle Religionen seien gleichwertig, weshalb der Mensch unabhängig vom Glauben bewertet werden müsse.

Eine Botschaft, die es zu hören gilt. Bereits im Juli brachten die Kooperationspartner des Aalener Theaters die szenische "Nathan"-Lesung in die Oberdorfer Synagoge, im Mai wird sie im Unterkochener Albert-Schweitzer-Haus zu hören und zu sehen sein und nun in der Moschee

Eine kleine, aber wichtige Richtigstellung: Weder die christlichen Religionsvertreter noch die Muslime wollen den weisen Nathan in ihren sakralen Räumen gegen religiösen Fanatismus, für eine  aufgeklärte Humanität  und für das Prinzip friedliebender koexistierender Religionen in einer toleranten Gesellschaft. reden lassen.

Man müsse das Religiöse vom Weltlichen trennen, damit es keine Missverständnisse gibt, betont Muammer Ermis, der Dialogbeauftragter der DITIB-Gemeinde. Muslime und  Lessings Drama in einer christlichen Kirche? Ganz so einfach, wie sich das anhört, scheint es auch hier nicht zu sein. Pfarrer Manfred Metzger (Christlich-islamischer Dialogkreis) kann sich dies zwar durchaus vorstellen, doch zunächst bedürfe ein solches Vorhaben noch intensiver Gespräche innerhalb seiner Gemeinde. Dass Lessing große Fragen an die Religionen stellt, ist für ihn unzweifelhaft. Auch dass die Religionen eine große Verantwortung trügen, denn wie in Lessings Drama werde jede eines Tages zur Rechenschaft gezogen werden.

In einer Moschee  nach der "wahren" Religion fragen

Der Konferenzraum der Moschee ist für alle Beteiligte eine gute Alternative. In Kooperation von Christlisch -islamischer Dialogkreis Aalen, Evangelischer Kirchengemeinde Unterkochen Ebnat, DITIB und dem "Chörle" (Thomas Haller) sowie dem Theater der Stadt nähern sich am Sonntag sechs Schauspieler dem Kern von Lessings "Nathan dem Weisen". "Die Ringparabel" steht im Mittelpunkt, so Tina Brüggemann, die die Regie der szenischen Lesung innehat.

Das "dramatische Gedicht", wie Lessing seinen "Nathan" nennt, spielt zur Zeit des dritten Kreuzzuges (1189–1192) in Jerusalem. Protagonisten sind der Jude Nathan, seine Pflegetochter Recha, ein Tempelritter und Sultan Saladin. Zentrum des Dramas ist die berühmte Ringparabel. Nathan, der für seine Weisheit gerühmt wird, erzählt sie als Antwort auf Saladins Frage nach der „wahren Religion“. Die Antwort liefert nicht die Gewissheit einer absoluten Wahrheit, sondern fordert auf, zu einem von Toleranz und Humanität geprägten Handeln. Gespiegelt wird dies durch das Ende des Stückes: Nächstenliebe besiegt Vorurteil und Intoleranz, die Personen - und die Religionen - werden als Mitglieder einer Menschheitsfamilie zusammengeführt.

Begegnungen ermöglichen

Auch in der szenischen Lesung des Dramas wollen die Theatermacher allein über die Sprache zeigen, wie sich unterschiedliche Religionen begegnen und wie diese Begegnungen durch Vorurteile beziehungsweise sogar Abneigung und Angst geprägt sein können. Für Daniela Mühlbäck, Koordinatorin  des Projekts "Boulevards Ulmer Straße", in das die Lesung eingebettet ist, gehört "Begegnung" zu den Schlüsselwörtern. "Wir wollen Menschen zusammenbringen", meint sie und erinnert an die seit dem vergangenen Jahr laufenden Aktionen entlang der Ulmer Straße, bei denen unterschiedlichste Menschen, Organisationen und Unternehmen zusammengebracht werden sollen. Nun also die Moschee des DITIB-Vereins. "Nathan der Weise" sei der geeignetste Text, um Religionen und Kulturen in Kontakt zu bringen, befindet Regisseurin Brüggemann. Bei der Aufführung am Sonntag wird sich zeigen, ob das Konzept aufgeht.


Schwäbische Post vom 31. Januar 2017 von Wolfgang Nussbaumer

Bekenntnis zu Friede und Respekt

„Nathan next door“ erfährt überwältigende Publikumsresonanz.

In der Mitte der Längswand des Konferenzraumes der Merkez Moschee an der Ulmer Straße in Aalen hängt ein Plakat. Es zeigt die durch drei Ringe verbundenen Symbole des Judentums, des Christentums und des Islam vor dem Hintergrund eines Dreiecks, des Dreifaltigkeitssymbols. Aus ihm blickt nicht nur ein Auge Gottes, sondern gleich zwei fixieren den Betrachter.

Zusammen mit dem Schriftzug „Nathan next door“ erzählt das Plakat die Quintessenz der szenisch-musikalischen Lesung zu Lessings Schauspiel „Nathan der Weise“. Diese Station des soziokulturellen Projekts „Boulevard Ulmer Straße“, mit dem das Theater der Stadt Aalen anlässlich seines 25-jährigen Bestehens seine Nachbarschaft erkundet, hat Sonntagnachmittag eine überwältigende Publikumsresonanz gefunden. Etliche der über 200 in Alter, Geschlecht und Konfession bunt gemischten Gäste mussten stehend erleben, wie sechs Schauspielerinnen und Schauspieler Texte aus dem „Nathan“ lasen; ge- und begleitet von acht Sängerinnen und Sängern des evangelischen „Chörle“ unter Leitung von Thomas Haller und mystischen Texten des Islam, die Imam Gökdere vortrug. Dass der Minichor mit dem geistlichen Lied „Denn er hat seinen Engeln befohlen“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy diese von Regisseurin Tina Brüggemann in Szene gesetzte Lesung eröffnet und in deren Mitte mit dessen Vokalwerk „Verleih uns Frieden“ für eine sehr fein timbrierte Zäsur gesorgt hat, schlägt den Bogen zu Stück und dessen Hintergrund.

Gotthold Ephraim Lessing hat mit seinem wegweisenden aufklärerisch-humanistischem Drama dem großen jüdischen Philosophen und Großvater des Komponisten, Moses Mendelssohn, ein literarisches Denkmal gesetzt. Gerade deshalb hätte es diese Veranstaltung vollends geadelt, wenn auch die deutsche jüdische Gemeinde im Projekt vertreten gewesen wäre.

Rund um die Ringparabel, die auf die gegenseitig respektierte Gleichstellung der drei großen monotheistischen Religionen hinführt, hatte die Chefdramaturgin ihre Auswahl der Lessingschen Blankverse gruppiert. Sie billigt den entscheidenden Satz Nathans christlicher Pflegetochter Recha zu: „Was ist das für ein Gott, der für sich muss kämpfen lassen?“ Dieser Gott wäre kein Gott, weil Gott die Liebe ist. Nach den Worten eines persischen mittelalterlichen Mystikers ist Gott der, den man im Herzen trägt.

Da konnte nur noch der Schlussappell vom Moschee-Mann Muammar Ermis folgen: „Lassen sie uns einander lieben.“


Aalener Kulturjournal (online) von Herbert Kullmann, veröffentlicht am 31. Januar 2017

Theater Aalen:  Szenische Lesung in der Merkez Moschee

"Streben nach Wissen ist mehr wert als ein ganzes Leben im Gebet." (Mohammed)

Zweiter von insgesamt drei Terminen in Sachen "Nathan". Im vergangenen Juli inszenierte das Theater der Stadt Aalen in der ehemaligen Synagoge in Bopfingen-Oberdorf die erste Lesung von Lessings "Nathan dem Weisen", im kommenden Mai folgt im Unterkochener Albert-Schweitzer-Haus die dritte. Synagoge, Moschee, Kirche - die Orte sind wohlgewählt. In Aalen sollte es die Merkez-Moschee der DITIB-Gemeinde sein, in der das Theater der Stadt mit der szenischen Lesung im Rahmen des Projekts "Boulevard Ulmerstraße" auf Lessings Traum von einer besseren Menschheit vor einem höchst unterschiedlichen Publikum nochmals aufleben lassen wollte.

Mit "Nathan next door" ist die Reise durch die drei religiösen Begegnungsstätten überschrieben, mit der an möglichst viele Zuhörer die Idee von Humanität, Vernunft und Toleranz herangetragen werden soll. Auch Lessings Auffassung, der Wert der Religionen bestehe im Streben nach Wahrheit, nach tätiger Menschenliebe. Alle Religionen seien gleichwertig, weshalb der Mensch unabhängig vom Glauben bewertet werden müsse.

"Die Botschaft hör ich wohl", doch Muslime wie Christen möchten die Frage nach der wahren Religion nicht in ihren sakralen Räumen vorgetragen wissen, deswegen findet die Lesung im Mai im Albert-Schweitzer-Haus und eben nicht in Unterkochens evangelischer Kirche statt, der Moscheeverein bittet seinerseits in den profanen Konferenzraum.

"Wer singt, betet doppelt." (Augustinus)

Der Besucherandrang ist riesig und überrascht nicht nur die Theaterleute. Unter das Publikum gemischt hat sich das "Chörle", Thomas Hallers Sänger unterbrechen die Lesung, stimmen höchst bemerkenswerte Lieder an, beispielsweise Felix Mendelssohn-Bartholdys "Verleih uns Frieden". Imam Gökdere ergänzte um  Abdullah Ibn Amrs "Hadithe": "Allah der Barmherzige erweist dem Barmherzigkeit, der seinerseits anderen barmherzig ist." Eingerahmt sind die Lieder vom israelischen Volkslied "Shalom Chavarim".

Die Schauspieler Mirjam Birkl, Alice Katharina Schmidt, Philipp Dürrschmied, Arwid Klaws, Marcus Krone und Bernd Tauber treten aus dem Publikum hervor, stellen sich ins Scheinwerferlicht. Dem Kern von Lessings "Nathan dem Weisen" wollen sie auf den Grund gehen.

Regisseurin Brüggemann betonte in ihrer Begrüßung, man wolle angesichts der veränderten Weltlage und fortschreitender fundamentalistischer Konflikte, wie sie vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen wären, ein Zeichen der Versöhnung setzen. Ein friedliches Miteinander statt Isolation und Trennung seien gefragt. Zustimmung kommt von Cemil Sahin. Mit  guten Taten wolle man vorangehen, so der Vorsitzende des Moschee-Vereins. Die Lesung könne Diskussionen anstoßen und für ein besseres Verständnis sorgen. Keine einfache Aufgabe, wie Lessings Text beweist und wie Imam Gökdere mit einer Sure (5:48) aus dem Koran belegt: "Und wenn Gott gewollt hätte, so hätte er euch zu einer einzigen Gemeinschaft gemacht. Doch wollte er euch prüfen in dem, was er euch gegeben hat. Darum wetteifert miteinander im Guten! Zu Gott werdet ihr dereinst zurückkehren, und er wird euch aufklären über das, worüber ihr uneins seid."

Von "Nathan dem Weisen" zu "Nathan next door"

Gotthold Ephraim Lessing, geboren am 22.1.1729, aus einem protestantischen Pfarrhaus stammend, war  ein streitbarer Geist. Ein unbequemer Wahrheitssucher, der sich von anderen nicht viel dreinreden ließ. Wie sein Bruder bemerkte, fehlten ihm zum Theologen "Sprache, Körper und Denkart". So lebte er als freier Schriftsteller, war Feuilletonredakteur, begegnete Voltaire, schloss eine lebenslange Freundschaft mit dem feinsinnigen jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn, dem Humanisten, Schriftsteller der Aufklärung, Wegbereiter der Emanzipation der Juden. Mendelssohn versuchte die jüdische Religion mit Begriffen der Philosophie zu interpretieren, nahm sich vor, die fünf Bücher Mose ins Deutsche zu übersetzen.

Lessing setzte ihm in der Figur Nathans des Weisen ein literarisches Denkmal. Lessing verstand sich als "Weltbürger", als ein Gelehrter, der in der ganzen Welt der Bildung zu Hause ist. Der deutschen Literatur verhalf er als Dichter wie Kritiker zum endgültigen Durchbruch. Ab 1770 leitete er die berühmte Hofbibliothek in Wolfenbüttel. 1781 starb Lessing vereinsamt mit 52 Jahren.

Lessing glaubte an eine freiere, bessere humanere Menschheit. Meisterhaft gestaltete er das Ideal der deutschen Aufklärung in dem dramatischen Gedicht "Nathan der Weise" (1779), sein letztes Drama. Seinen Traum von einer besseren Menschheit. Die Aufklärung säkularisierte die Heilsgeschichte des Christentums und seiner Moral zur diesseitigen Heilsgeschichte. Auf das Diesseits sollte sich der Blick des Menschen richten, um die Welt positiv zu gestalten.

Nathans Ringparabel

Nathan, in die Zeit der Kreuzzüge gesetzt, ist ein mündiger Mensch des 18. Jahrhunderts, der den Prozess der Aufklärung voranzutreiben vermag. Lessing legt die Handlung in die Zeit der Kreuzzüge, ins Jahr 1192. Ort der Handlung ist Jerusalem, die für alle drei Offenbarungsreligionen heilige Stadt. 1187 erobert der mohammedanische Sultan Saladin Jerusalem und dehnt seine Macht im Vorderen Orient aus. In der historischen Zeit der politischen und religiösen Unruhen lässt Lessing die Lehre von der Toleranz und die Möglichkeit der Versöhnung spielen.

In Jerusalem lebt der reiche  jüdische Kaufmann Nathan, dem die Christen sieben Söhne getötet haben. Als Pflegetochter nimmt er darauf die verwaiste Recha an, ein Christenkind, und erzieht sie mithilfe Dajas, einer Christin. Ein junger Tempelherr rettet Recha aus den Flammen, als Nathan verreist ist. Dessen Einladung, um sich zu  bedanken, lehnt der Tempelherr ab, da dieser Jude ist. Sultan Saladin, wegen seiner Großzügigkeit immer in Geldnot, will sich bei dem reichen Kaufmann Nathan Geld leihen. Da der Sultan von Nathans Weisheit gehört hat, stellt er ihm die Frage, welche Religion die wahre sei. Als Antwort erzählt ihm Nathan das "Märchen" von den drei Ringen, die berühmte Ringparabel, welche die Mitte des Dramas darstellt.

Die Utopie einer harmonischen Gesellschaftsordnung, einer Welt, wie sie sein könnte. 

Sie handelt von einem Ring, dessen Stein die geheime Kraft besaß, "vor Gott und den Menschen angenehm zu machen, wer in dieser Zuversicht ihn trug".  Über Generationen hin wurde der Ring immer auf den Lieblingssohn vererbt, bis sich schließlich ein Vater außerstande sah, einem seiner drei Söhne den Vorzug zu geben, und daher zwei weitere, völlig gleiche Ringe anfertigen ließ. Nicht die Gewissheit einer absoluten Wahrheit liefert die Antwort, sondern die unlösbare Frage nach der Echtheit der Ringe mündet in die Herausforderung zu einem von Toleranz und Humanität geprägten Handeln.

Der Richter fällt keinen Spruch, sondern gibt einen Rat, indem er gleichzeitig auf einen anderen Richter verweist, dessen Urteil er selbst nicht kennt: "Es eifre jeder seiner unbestochnen / Von Vorurteilen freien Liebe nach! / Es strebe von euch jeder um die Wette, / Die Kraft des Steins in seinem Ring´ an Tag / Zu legen"!" Am Ende siegen Frömmigkeit und Nächstenliebe über Vorurteil und Intoleranz;  die Personen - und die Religionen - werden als Mitglieder einer einzigen Familie zusammengeführt. Die von einem Juden aufgezogene Recha und der christliche Tempelherr sind Geschwister. Ihr Vater ist der verschollene Bruder des Muselmanns Saladin.  Menschen verschiedenen Glaubens, am Anfang sich unversöhnlich gegenüberstehend,  schließen sich zusammen zu einer versöhnten Menschheitsfamilie. Die Utopie einer harmonischen Gesellschaftsordnung, einer Welt, wie sie sein könnte.

Keine Religion hat das Recht auf einen Absolutheitsanspruch

Die Aufgabe der Erziehung ist nach Lessing, die Menschen über alle weltanschaulichen Meinungsverschiedenheiten hinweg zur Toleranz zu bilden, sich zu üben in weltumspannender Solidarität. Die Verwirklichung des Guten um des Guten willen. Und zwar mithilfe von Vernunft und praktischer Ethik. Und einem vernunftgeleiteten Dialog. Diese Bereitschaft aller zum Gespräch macht einen Wandel möglich. Keine Religion hat das Recht auf einen Absolutheitsanspruch, sondern sie muss mitwirken an der Verwirklichung dieses Zieles.

Goethe schreibt nach der Weimarer Inszenierung von 1801, mit der sich das Drama auf der Bühne durchsetzt: Es werde "lange erhalten, weil sich immer tüchtige Schauspieler finden werden, die sich der Rolle Nathans gewachsen fühlen. Möge doch die bekannte Erzählung, glücklich dargestellt, das deutsche Publikum auf ewige Zeiten erinnern, dass es nicht nur berufen wird, um zu schauen, sondern auch zu hören und auch zu vernehmen. Möge zugleich das darin ausgesprochenen göttliche Duldungs- und Schonungsgefühl der Nation heilig und wert bleiben." Nicht nur das "deutsche Publikum" möge erinnert werden, ist zu ergänzen!

Die Suche nach Gott endet im eigenen Herzen

Ein frommer Wunsch, wie das wirkliche Leben Jahrhunderte hindurch beweist. In der szenischen Lesung des Dramas zeigen die Schauspieler, wie sich Religionen voller Vorurteile, Abneigung oder gar Angst begegnen. Für Daniela Mühlbäck, Koordinatorin  des Projekts "Boulevards Ulmer Straße", in das die Lesung eingebettet war, gehört "Begegnung" zu den unmittelbaren Schlüsselwörtern. "Wir wollen Menschen zusammenbringen", sagt sie und erinnert an die seit dem vergangenen Jahr laufenden Aktionen entlang der Ulmer Straße, bei denen unterschiedlichste Menschen, Organisationen und Unternehmen zusammengebracht werden sollen. Der Versuch mit "Nathan next door" in der Moschee Religionen und Kulturen in Kontakt zu bringen, war erfolgreich - mit Blick auf die Besucher. Bei allem anderen bleibt das Fragezeichen. Imam Gökdere wies indes mit einem persischen Gedicht den richtigen Weg zu Gott:

"Ich suchte am Kreuz der Christen. / Doch da war er nicht. / Ich ging in den Tempel der Hindus und in die alten Pagoden. / Doch nirgends fand ich eine Spur von ihm. / Ich suchte auf Bergen und Tälern. / Doch weder in der Höhe noch in den Niederungen fand ich ihn./ Ich ging zur Kaaba nach Mekka, doch auch dort war er nicht. / Ich fragte die Gelehrten und Philosophen, doch er war jenseits ihres Begreifen. / Da schaute ich in mein Herz und dort, an seinem Wohnort, sah ich ihn. / An keinem anderen Ort war er zu finden."


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